Mikronährstoffe als Motor der Evolution

14. November 2019 0 Von Raw Spirit

Mikronährstoffe als Motor der Evolution

(Rating: 38%)


” Jedes Lebewesen braucht Mikronährstoffe unterschiedlicher Art und Menge. Jüngste Erkenntnisse über deren Bedeutung erlauben eine neue Interpretation der Evolution des Menschen. So ist die Hirnentwicklung mit einer ganzen Reihe von Mikronährstoffen eng verbunden. Wie aber haben es unsere Ahnen geschafft, dass sie immer genug davon hatten? Wie hat die Verfügbarkeit von Mikronährstoffen die natürliche Selektion beeinflusst? Dieses Buch gibt erste Antworten auf diese spannenden Fragen. “



Der Autor Hans Konrad Biesalski stellt die These auf dass das Angebot an Mikronährstoffen maßgeblichen Einfluss auf die evolutionäre Entwicklung der Menschen hatte. Mikronährstoffe sind Nahrungsbestandteile die keine Energie liefern aber trotzdem essentiell für unseren Körper sind, wie die Vitamine, Mineralien und Spurenelementen. Die These ist zwar nicht neu, stellt aber andere populärere evolutionäre Thesen durchaus in Frage. Herr Biesalski stützt sich dabei nicht nur auf eigene Erkenntnisse sondern leitet aus zahlreichen Studien und Untersuchungen seine Thesen ab. Die Verweise und Quellenangaben sind wie es sich für ein universitäres Fachbuch gehört genannt.

Das Buch liest sich nach einleitenden Kapiteln zu den Mikro- und Makronährstoffen und diverser Nischenbetrachtungen, die das Konzept der Mikronährstoffe als entscheidender Faktor der Evolution unterstützen, quasi wie eine Geschichte, angefangen mit dem ersten Menschen bis hin zum Homo Sapiens. Aber immer mit Exkursen und Querverweisen um die Thesen wissenschaftlich zu untermauern und in der Tat muss man dem Autor eine sehr stimmige und auf den ersten Blick stringente Arbeitsweise unterstellen.

Wenn man etwas genauer hinschaut, entdeckt man eine gewisse Einseitigkeit bei Herrn Biesalski und dass er die Stimmigkeit und die stringent anmutenden Konklusionen durch ein selektives Herauspicken der Fakten generiert. Viele Argumentationen gerade was eine pflanzenbasierte Kost angeht, basieren auf längst überholten Annahmen. Auch wenn man auf Seite 24 eine Übersicht der Mikronährstoffe und deren Hauptquellen anschaut, erkennt man dann dass Herr Biesalski da sehr einseitig betrachtet. Als Hauptquelle für Kupfer gibt er Fleisch an, wo hingegen Nüsse ca. den 20fachen Gehalt an Kupfer haben als Fleisch. Ausgenommen der Innereien, die aber zwar damals mitverzehrt wurden, die aber prozentual nur einen kleinen Teil der Nahrung ausgemacht haben können. Des weiteren gibt er ebenfalls bei Kalium als Hauptquellen Fleisch, Eier und manche Pflanzen und Wurzeln an. Obwohl mittlerweile eigentlich jedem Ernährungswissenschaftler bekannt ist dass Kalium in nahezu jeder Pflanze enthalten ist und auch Pflanzen eindeutig viel mehr Kalium liefern als tierische Nahrung.

Und fast bei jedem Nährstoff gibt Herr Biesalski Tiere als Hauptquelle an sogar bei Vitamin A, obwohl Huhn Schwein und Rind kaum Vitamin A im Muskelfleisch haben. Lediglich bei Vitamin C gibt er ausschließlich Früchte und Pflanzen als Hauptquelle an. Ich habe da noch einmal das ganze Kapitel gelesen um irgendwie einen Denkfehler bei mir zu finden. Aber nein, da steht eindeutig dass er Tiere quasi als Hauptquelle für alles ansieht. Das ist weder korrekt noch lässt sich das auch aus evolutionstheoretischer Sicht ableiten. Er selber untermauert in seinem Buch bewusst oder unbewusst auch ständig die These dass die Menschen vom Grunde auf ein Pflanzenesser ist und sich dann nur auch zu einem Omnivoren entwickelt hat.

Und auch immer wieder im Verlauf des Buches hat Herr Biesalski derartig kuriose und mit nichts zu rechtfertigenden einseitigen Betrachtungen am Start, die dann zwar aktuelle Thesen wie das Aussterben gewisser Artenlinien rechtfertigen, aber die eben dann die gefühlte Stringenz arg ins Wanken bringen. Letztlich findet der Autor aber immer wieder auf eine grundsolide Basis zurück und versteht es immer wieder auf diesen roten Faden zurückzukehren. Er versucht in seinen Ansätzen auch immer nicht nur die Ernährung als solches mit einzubeziehen, sondern auch soziokulturelle Entwicklungen. Insbesondere bei der von ihm skizzierten Entwicklung des Gehirns wird dieser Faktor besonders deutlich.

Aber bei gewissen Themen trifft man immer wieder auch auf überholtes oder sagen wir man diskutables Wissen, was der Autor als gegeben hinnimmt. Mittlerweile gibt es zahlreiche Studien die zeigen dass ein erhöhter Milchkonsum eben eher nicht positiv für die Gesundheit der Knochen ist und eben auch der in diesem Zusammenhang vom Autor gelobte Kalziumanteil der Milch nur zu ungefähr 30 Prozent aufgenommen wird. Während bei Rüben und anderen Grünzeug die Aufnahme zwischen 40-64 Prozent beträgt. Und das weiß man nun nicht erst seit gestern, sondern schon seit 10-20 Jahren. Bei einem aktuellen Buch eines Ernährungswissenschaftlers sollte man doch erwarten dass dieser auf dem aktuellsten Stand des Wissens ist.

Aber man erkennt wirklich immer wieder, dass hier nicht am Nabel der Zeit argumentiert wird und entsprechend so angenehm das Buch aufgebaut ist, so erfrischend die kleinen Exkursionen sind, es bleibt bei dem ambitionierten Leser irgendwie ein schales Grundgefühl zurück. Als Komplettwerk und stimmiges Kompendium kann ich das Buch daher absolut nicht empfehlen, weil dafür die Geisteshaltung des Autors noch zu sehr von einem totalitärem „tierisch ist gut“ für unsere Entwicklung geprägt ist und man dadurch eben auch annehmen muss dass einige der Schlussfolgerungen einfach falsch sind. Gerade wenn es darum geht dass Herr Biesalski anscheinend die Nährstoffe pflanzlicher Nahrung deutlich unterschätzt.

Gerade der Fakt dass menschliche Arten laut seinen Theorien häufiger ausgestorben sind weil sie nur pflanzliche Nahrung zur Verfügung hatten, stellt im Kontext von anderen weniger intelligenten aber sich rein pflanzlich ernährenden Lebewesen einfach einen nicht zu übersehenden Disput dar. Und so wird das durchaus innovativ anmutende Buch von Seite zu Seite immer ambivalenter in der Wahrnehmung und man endet irgendwie nach gut 200 Seiten mit dem Gefühl. Klingt ganz interessant aber so richtig stimmig ist das dann doch nicht. Interessant Aspekte ja, ein rundes glaubwürdiges Werk Nein. Dazu ist der Preis von 50€ auch eindeutig zu hoch angesetzt für die gut 200 Seiten. Daher gibt’s von mir auch nur 42%, da eine derartiges Ignorieren der neuesten Forschungen, die sich ja aber dann eben auch auf die Menschen aus der Urzeit übertragen lassen, einfach attestiert werden musst.

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Samu

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